21.11.2007

Neue Westfälische: Ventil für Aggressionen

Trotz guter Erfahrungen mit Bewegungstherapie wird die Sportbetreuung für Häftlinge gekürzt

VON HOLGER KOSB

Auf die Haltung kommt es an: Richard Sproston erklärt dem Insassen Ali A., wie er die Hanteln richtig zum Körper führt, damit das Training nicht mehr negative als positive Auswirkungen hat. Zusätzlich sind an der Wand Fotos aufgehängt, die die Bewegungsabläufe erklären. FOTOS: HOLGER KOSBAB

Kreis Paderborn. Morgens von 10.30 bis 12 Uhr kann Ali A. ganz aus sich herausgehen. Dann ist das Fußballfeld für seine Abteilung reserviert. Sieben Mann pro Team kicken, bis zu zehn verschiedene Nationen treten dann hinter den Ball und sich manchmal auch auf die Knochen. „Man fühlt sich schlapp, wenn man sich nicht bewegt“, sagt Ali A. Mit dem Unterschied, dass er im Knast kickt.

A. ist einer von zurzeit 140 Häftlingen in einem der größten europäischen Abschiebegefängnisse – der Justizvollzugsanstalt (JVA) Büren. Für Menschen, für die jeder Tag wie ein Sonntag ist und Schlafen Zeitvertreib, ist es wichtig, sich sportlich zu verausgaben. Seit dem 12. Oktober sitzt A. in Zelle 32, Abteilung A, Haus 3. Weshalb? Er weiß es nach eigener Aussage nicht. Die Probleme begannen, so erklärt er, als er vor sechs Jahren in den Iran reiste und sein deutscher Pass eingezogen worden sei. Nun habe er einen persischen Ausweis, der ihm eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung bringen müsse, wie er meint. In der JVA fühle er sich dreckig. „Vor allem, wenn man hier mehr als 20 Jahre gelebt hat und die ganze Familie hier ist.“

Pro Jahr werden von Büren aus rund 2.000 Menschen in ihre Heimatländer abgeschoben. Hinzu kommen 400, die wieder entlassen werden, weil zum Beispiel der Asylantrag doch bewilligt wurde. „Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer beträgt 47 Tage“, sagt JVA-Leiter Volker Strohmeyer. Unter den Insassen, die größtenteils zwischen 20 und 40 Jahren alt sind, seien frustrierte Menschen, die die Ausreise nach Deutschland teuer bezahlt hätten. „Da ist Sport ein wichtiges Mittel, um Aggressionen abzubauen“, erklärt Strohmeyer. „Sport nimmt den Menschen den Wind aus den Segeln. Sie müssen sich regelrecht austoben. Sport ist zentral, um in dieser Anstalt ein besseres Arbeiten zu ermöglichen.“ Das Gleiche gelte auch für die verschiedenen Arbeitsbereiche. „Bei der kurzen Verweildauer müssen wir uns auf einige wesentliche Dinge konzentrieren“, sagt Axel Bremer, Justizvollzugsbeamter und Leiter der Sport- und Freizeitabteilung, „dazu zählt eine klare Tagesstruktur – auch durch Sport.“ Draußen gibt es Felder für Fußball, Basketball und Volleyball. Erst in diesem Jahr wurde ein Kunstrasenplatz angelegt, der die Zahl Verletzungen mindern soll. Im Innenbereich können die Inhaftierten gegen Tischtennisbälle schmettern oder im Kraftraum Hanteln stemmen. Als die JVA 1994 in Betrieb genommen wurde, war für die Abschiebehäftlinge eine Verweildauer von 14 Tagen vorgesehen. Da galt das Motto: Die sollen ruhig zwei Wochen fernsehen, dann sind sie ohnehin weg. Doch die Aufenthalte verlängerten sich. So sind die Sportbereiche im Inneren überwiegend provisorisch ausgestattet.

Weiß, wie wichtig Sport ist: Volker Strohmeyer, Leiter der Justizvollzugsanstalt, mussd die professionelle Betreuung in diesem Bereich wohl einsparen. Im Hintergrund spielen Häftlinge Fußball.

Einer von denen, die aus diesem Provisorium das Bestmögliche herausholen, ist Richard Sproston vom externen Dienstleister European Homecare (EHC). Er bezeichnet sich als sozialen Sportbetreuer – eine Mischung aus Sozialarbeiter und Sportanleiter. „Die Gefangenen haben einen Bewegungsmangel, dadurch werden Aggressionen aufgebaut“, sagt er. „Um Abhilfe zu schaffen, versuchen wir ein breites Spektrum anzubieten.“ Vor allem diene Sport der Persönlichkeits- und Teamentwicklung jedes einzelnen Häftlings, so Sproston. „Dadurch können hier alle viel leichter mit ihnen umgehen.“

Warum die Verträge nicht verlängert werden

Nur wurden die Verträge von Sproston und seinen Kollegen nicht verlängert. „Damit wird die professionelle Betreuung des Sport- und Freizeit-Bereichs wohl wegfallen“, sagt Gabriele Blech aus der EHC-Geschäftsleitung. Anstaltsleiter Strohmeyer erklärt, dass die Landesmittel auf Grund weniger Abschiebegefangenen um rund 25 Prozent gekürzt wurden. „Wir sehen uns in der Lage, mit eigenen Kräften weiterzumachen und den Sportbereich aufrecht zu erhalten.“

Insassen wie Hao G. würde wohl dennoch etwas fehlen. Täglich hat der 25-Jährige mit Sproston Tischtennis gespielt. Bis zu drei Stunden am Stück. Der Chinese hat kein gültiges Visum und glaubt sogar, dass sein Heimatland für ihn besser sei als Deutschland. Am kommenden Montag fliegt er nach Schanghai. Auf Tischtennis wird er dort nicht verzichten müssen.